Viktor Hess und die Entdeckung der Kosmischen Strahung
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Die Lage vor Viktor Hess

 

3.   Die Lage vor Viktor Hess

3.1   Die “Elektrisierung” (Ionisation) der Luft

Um uns mit dem wissenschaftlichen Problem vertraut zu machen, mit dem die Erforschung der Kosmischen Strahlung ihren Anfang nahm, wollen wir ein kurzes, einführendes Beispiel betrachten:

Ein naturwissenschaftlicher Forscher des ausklingenden 19. Jahrhunderts beschäftigt sich aus verschiedenen Gründen mit der Elektrizität der Atmosphäre. Nach einigen Mühen ist es ihm gelungen, einen Metallzylinder herzustellen, der durch eine findige Konstruktion aus Naturkautschuk und Ebonit hervorragend gegen die Erde isoliert ist und eine elektrische Ladung zu halten im Stande sein sollte. Der Forscher lädt nun den Körper elektrisch auf und stellt zu seiner Überraschung fest, dass der Metallzylinder, sich selbst überlassen, seine elektrische Ladung doch wieder verliert. Der Forscher weiß sich darauf keinen Reim, da er ja selbst dafür gesorgt hat, dass der Zylinder hervorragend isoliert ist. Daher macht er sich daran, eine Erklärung dafür zu finden, was mit der elektrischen Ladung geschehen ist, die er seinem Metallzylinder anvertraut hatte.

Bereits im Jahre 1785 zeigte Coulomb, dass jeder in Luft aufgestellte metallische Leiter seine Ladung allmählich verliert, und dass dieser Effekt, den er Elektrizitätszerstreuung nannte, nicht womöglich auf eine mangelhafte Isolierung der den Leiter tragenden Einrichtung, sondern auf eine wenn auch geringe Fortführung oder Leitung der Elektrizität durch die Luft zurückzuführen ist.

Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts lagerte dieses Phänomen im Schatten des Interesses der allgemeinen Forschungstätigkeit, weshalb sich lange die abwegige Annahme hielt, dass feuchte Luft besser leite als trockene. Eine Annahme, die auf einen Analogieschluss vom verbesserten Leitvermögen benetzter Kontaktstellen gegenüber trockenen auf die Bedingungen in der Atmosphäre zurückzuführen sein mag.

F. Linss fand 1887 erstens, dass ganz im Gegensatz zur landläufigen Annahme die Elektrizitätszerstreuung bei klarem Wetter und daher bei trockener Luft am größten ist, und zweitens fand er eine regelmäßige Schwankung der elektrischen Zerstreuung, also des Ladungsverlustes pro Zeiteinheit. Beim damaligen Stand des Wissens um die elektrische Leitfähigkeit von Gasen konnte man keine befriedigende Erklärung der Elektrizitätszerstreuung finden, bis die Erforschung der Röntgen- und Becquerelstrahlung, also der Radioaktivität, einen gehörigen Fortschritt brachte. Radioaktivität, so erfasste man bald, kann die Leitfähigkeit aller Gase auffallend anheben. Diese verbesserten Leitungseigenschaften führte man auf eine Erzeugung freier Ladungsträger zurück. Die neuen Ladungsträger entstanden, indem die energiereiche radioaktive Strahlung die elektrisch neutralen Atome und Moleküle der Atmosphäre in positive und negative Ionen aufspaltete; diese spezielle Fähigkeit der radioaktiven Strahlung brachte ihr auch den Namen ionisierende Strahlung ein. Auf jeden Fall führten diese Erkenntnisse zu einer Neudeutung des Leitungsmechanismus in Gasen: der Ionenleitung. Nach dieser neuen Auffassung sind wie in Elektrolyten so auch in Gasen stets positive und negative Teilchen, die sogenannten Ionen, vorhanden (z.B. Elektronen und positiv geladene Atome). Wenn jetzt ein elektrisches Feld vorhanden ist, so beginnen die Ionen je nach ihrem Vorzeichen entlang der elektrischen Feldlinien zu wandern (der Name Ion ist dem Griechischen entlehnt und bedeutet etwa Wanderer). Der Analogieschluss von der Ionenleitung im Elektrolyten auf die Ionenleitung im Gas war ein ähnlich großer Verdienst, wie dann die Anwendung der Lehre von den Gasionen auf die Verhältnisse in der atmosphärischen Luft durch die beiden deutschen Forscher Julius Elster und Hans Geitel, indem sie eine befriedigende Deutung des Vorganges der Elektrizitätszerstreuung brachten. [2,3]

Coulomb hatte ja das Phänomen der Elektrischen Zerstreuung noch so gedeutet, dass sich kleinste Teilchen wie Staubpartikel, Aerosole genannt, durch Kontakt mit einer elektrisch geladenen Oberfläche an dieser aufladen, dann im elektrischen Feld von dieser Oberfläche weggestoßen werden und so die Ladung abtransportieren. Daher nahm man auch an, dass feuchte Luft, in der größere Mengen von Wassertropfen (zum Beispiel bei Nebel) und anderen Verunreinigungen vorhanden sind, verbesserte Leitungseigenschaften aufweist. Aber jetzt wusste man um die stete Präsenz geladener Ionen in der Luft, die auch dann gegeben war, wenn kein geladener Metallzylinder aufgestellt wurde. Diese Ionen entstanden durch die ladungstrennende Wirkung der ionisierenden Strahlung. Die Zerstreuung der Elektrizität, wie man sie bis dahin bildhaft bezeichnete, wurde also nicht dadurch verursacht, dass Staubpartikel die Ladung des Metallzylinders abtransportierten. Vielmehr wurden bereits vorhandene Ionen durch das elektrische Feld des Zylinders angezogen. So zieht ein positiv geladener Zylinder Elektronen und negative Ionen (Atome und Moleküle, die ein zusätzliches Elektorn gebunden haben) an, ein negativ geladener Zylinder zieht positive Ionen (Atome, denen Elektronen fehlen) an. Die Ladung des Zylinders wird durch die ungleichnamig geladenen Ionen mit der Zeit ausgeglichen.

Das Forschungsgebiet der Luftelektrizität war um 1900 ein sehr großes. Schon seit den Versuchen von Le Monnier im 18. Jahrhundert wusste man um eine elektrische Spannungsdifferenz zwischen der Erde und der Atmosphäre. Der Potentialunterschied zwischen Erde und Luft beträgt je Meter Höhendifferenz etwa 100 bis 300 V. Dieser Gradient des Erdpotentials ergibt das elektrische Feld der Erde. Das gleichzeitige Bestehen einer elektrischen Spannung in der Atmosphäre und der Leitfähigkeit der Atmosphäre ergibt durch die Wanderung der freien Ladungsträger einen ständigen vertikalen Strom, der über die gesamte Erdoberfläche summiert etwa 100 Ampere beträgt. Die Beschäftigung mit dieser Leitfähigkeit der Luft führte dann in fast direkter Folge zur Entdeckung der Kosmischen Strahlung. Darum sei diesem so beschrittenen Weg zunächst die Aufmerksamkeit geschenkt. [4]

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