Viktor Hess und die Entdeckung der Kosmischen Strahung
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Die Lage vor Viktor Hess

 

3.2   Die “Elektrizitätszerstreuung” (Ladungstransport) in der Luft

Jedes Gas enthält stets positiv und negativ geladene Elektrizitätsträger, die als Ionen bezeichnet werden. Ihre Ladung ist gleich der elektrischen Elementarladung

qe = 1.602·10-19 Cb

oder einem Vielfachen davon. Meist haben die Ionen aber die einfache Elementarladung, ihre Massen hingegen können in weiten Bereichen variieren.

Die Bewegung der Ionen im elektrischen Feld eies Kondensators
Abbildung 3-1 Die Bewegung der Ionen im elektrischen Feld eines Kondensators
Befinden sich Ionen in einem elektrischen Feld, so wirkt auf sie eine beschleunigende Coulombkraft entlang der elektrischen Feldlinien. Dadurch setzen sich die Ionen in Bewegung und driften auf die entgegengesetzt geladene Kondensatorplatte zu.

Denken wir uns ein Gas, z.B. Luft, das sich im Zwischenraum zweier Metallplatten befindet, deren eine geerdet, die andere unter negative Spannung gesetzt ist (Abbildung 3-1); dann werden die positiven Ionen in Richtung der elektrischen Feldlinien (die defintionsgemäß von positiven Ladungen ausgehen und in negativen Ladungen enden), die negativen in die Gegenrichtung in Bewegung gesetzt und so lange beschleunigt werden, bis die beschleunigende Coulombkraft und die geschwindigkeitsabhängige Reibungskraft der Ionen an der Luft ein Gleichgewicht finden. Von da an wandern die Ionen mit einer nur von ihrer Größe und der elektrischen Feldstärke abhängigen, Hess konstanten Geschwindigkeit weiter, bis sie zu einer der beiden Leiterplatten gelangen, wo sie ihre Ladung abgeben. Die Geschwindigkeit, die ein Ion bei einer elektrischen Feldstärke von 1 V·cm-1 erreicht, ist eine typische Größe für dieses Ion und wir bezeichnen sie daher als die Beweglichkeit k des Ions.

Für die Leitfähigkeit der Luft sind fast immer Ionen in Form von geladenen Atomen verantwortlich. Freie Elektronen stehen als Ladungsträger fast nie und nur in Ausnahmefällen zur Verfügung, so in sehr reinem Stickstoff und in den reinen Edelgasen. In diesen Gasen ist die Beweglichkeit der negativen Elektronen etwa hundert mal größer als die der positiven Atome. Das rührt daher, dass die Elektronen sehr viel kleiner und daher viel beweglicher als die Atome sind. Die große Beweglichkeit der negativen Ionen in Edelgasen verschwindet sofort bei Beimengung geringer Mengen anderer Gase wie Sauerstoff und Kohlendioxid, weil sich die Elektronen sofort an diese Gasmoleküle anlagern. In der normalen Luft tragen also freie Elektronen zum Ladungstransport nicht bei und sind somit von keinem Einfluss auf die Leitfähigkeit der Atmosphäre. Allerdings ist auch der Fall selten, dass ein Ion als Ladungsträger aus einem einzelnen Atom besteht. Ladungstragende Einzelatome oder Einzelmoleküle sind in der Luft nicht beständig, sondern gehen rasch durch Anlagerung an andere Atome in sogenannte Cluster über, wodurch ein Atom- oder Molekülverband entsteht, der dann im elektrischen Feld die Ladung transportiert.

Ionen-Cluster
Abbildung 3-2 Ionen-Cluster
Anziehende elektrische Kräfte zwischen Ionen und neutralen Atomen führen dazu, dass sich größere Cluster bilden können. Diese leichten Cluster sind um einiges größer als die einzelnen Atome und können sich daher nur langsam durch das Medium bewegen.

Diese leichten Ionen (Cluster), deren Beweglichkeit k in Gasen von Atmosphärendruck die Größenordnung 1 cm·s-1 bei einer elektrischen Feldstärke von 1 V·cm-1 aufweist, vermitteln vorwiegend die Elektrizitätsleitung der freien Atmosphäre. Meistens befinden sich in der Luft Verunreinigungen, sogenannte Aerosole wie z.B. Wassertröpfchen bei Nebel, aber auch Verbrennungsprodukte wie Russteilchen, Staub und anderes, also große Teilchen, an die sich die Ionen ebenfalls anlagern können. Dadurch entstehen große und schwere Ionen, die stark an Beweglichkeit einbüßen. Die Beweglichkeit dieser sehr schweren Ionen variiert je nach der Größe zwischen 10-2 und 10-3 cm·s-1 bei einer Feldstärke von 1 V·cm-1. Wenn die beiden Platten des Kondensators einen Abstand von 10 cm aufweisen und die Spannungsdifferenz 200 V beträgt, dann ergibt sich für die kleinen Ionen eine Geschwindigkeit von etwa 30 cm·s-1, die dann die Entfernung zwischen den beiden Platten in einer Zeit von 1/3 s durchlaufen würden. Die großen Ionen benötigen dafür etwa 500 bis 1000 s.

Ein schweres Ion
Abbildung 3-3 Ein schweres Ion
Ein schweres Ion entsteht, wenn sich ein Ion, durch elektrostatische Kräfte angezogen, an einem Aerosol (Staub, Russ, usw.) anlagert. Dadurch büßt das Ion praktisch seine Beweglichkeit in der umgebenden Luft ein.

In der Atmosphäre werden ständig und allerorts Ionen erzeugt. Die Stärke der Ionisation ist durch die Zahl der Ionenpaare gegeben, die pro Sekunde und Kubikzentimeter erzeugt werden. Gleichzeitig werden Ionen durch verschiedene Prozesse auch wieder vernichtet oder für den Ladungstransport in der Luft irrelevant gemacht. Entweder kommt es zu Widervereinigung mit Ionen entgegengesetzten Vorzeichens, wodurch ein elektrisch neutrales Teilchen entsteht, oder das Ion lagert sich an ein sehr großes, ungeladenes Teilchen (Staub, Nebel, etc.) an, wodurch es seine Beweglichkeit einbüßt. Außerdem kann das Ion durch Diffusion, Adsorption, oder elektrische Konvektion wegtransportiert werden, und steht dann für einen Ladungstransport nicht mehr zur Verfügung. Der wichtigste Effekte dabei ist die Wiedervereinigung, auch Rekombinierung genannt. Sobald in einem Gasvolumen gleichzeitig positiv und negativ geladene Teilchen bestehen, muss auf Grund elektrischer Anziehungskräfte eine Tendenz zur Wiedervereinigung entgegengesetzter Ladungen bestehen. Die Rekombinierung wird offenbar umso öfter erfolgen, je mehr positive als auch negative Teilchen im Volumen anwesend sind, wodurch sich die Zahl der im Volumen pro Zeiteinheit durch Rekombinierung verschwindenden Ionen anschreiben lässt als: n = α · n+ · n-, wobei n± die Anzahl der positiven und negativen Ionen angibt; α heiße Wiedervereinigungskoeffizient und hat die Dimension cm3·s-1. Die Dimension von n ist Teilchen·cm-3·s-1. Gleichzeitig werden vom Ionisator q Ionenpaare·cm-3·s-1 erzeugt. Dadurch ist die Änderung der Anzahl der Ionen gegeben durch:

Formel

Bei gleichzeitiger Wirkung des Ionisators und der Rekombinierung muss sich nach einiger Zeit ein Gleichgewicht einstellen, in dem die Gesamtionenzahl unveränderlich bleibt:

Formel

In diesem Zustand hängt die Ionenzahl durch folgende Beziehung nur mehr von α und q ab:

Zur Ionendiffusion kommt es dort, wo ein Gefälle der Ionenkonzentration im Gas besteht, z.B. an der Grenzfläche zwischen der stark ionisierten Bodenluft und der relativ ionenarmen Luft darüber. Adsorption ereignet sich dort, wo ein Hess ionisiertes Gas an die Oberfläche eines Leiters grenzt (z.B. ein Meer oder eine metallische Oberfläche). Durch Influenz erzeugt jedes Ion eine entgegengesetzt geladene Spiegelladung im Leiter, was zu einer anziehenden Wirkung zwischen dem Leiter und dem Ion führt. Diese Ionenadsorption hat eine Reichweite von etwa 0.1 mm und kann daher in den meisten Anwendungsfällen vernachlässigt werden.

Konvektion bedeutet, dass ein Transport durch Luftbewegung stattfindet. Die elektrische Konvektion kann zu einem starken Transport von Ladungen führen und so eine beträchtliche Verminderung der Ionenzahl bewirken. In der freien Atmosphäre ist diese Auswirkung aber gering, da im Schnitt durch die Grenzflächen eines betrachteten Volumens gleich viele Ionen ein- wie austreten.

Wichtig für alle Messungen, die mit Ionisation zu tun haben, ist der Begriff des Sättigungsstromes, der im folgenden besprochen werden soll (Abbildung 3-4): Wir betrachten wieder einen Kondensator, der aus zwei Leiterplatten mit entgegengesetzter Ladung besteht. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die Luft unserer Atmosphäre stets leicht ionisiert ist. Aus der entgegengesetzten Ladung, die auf den beiden Kondensatorplatten aufgebracht ist, ergibt sich eine Potentialdifferenz und damit ein elektrisches Feld. Die Ionen, die sich im elektrischen Feld des Kondensators befinden, beginnen sich zu bewegen und werden gegen die entgegengesetzt geladene Elektroden hin getrieben, wo ihre Ladungen ausgeglichen werden.

Solange das elektrische Feld nicht zu stark ist, kann die Zahl der im Konvektionsstrom abtransportierten Ladungen im Vergleich zur Gesamtionenzahl vernachlässigt werden. In diesem Fall ist der Ionenstrom proportional zur am Kondensator angelegten Spannung, I α U, das Ohmsche Gesetz gilt. Man spricht hier auch vom freien Strom. Wird aber die Spannung weiter erhöht, so wächst die Zahl der pro Zeiteinheit zur Elektrode geführten Ladungen, die verfügbare Zahl an Ionen im Volumen sinkt stetig, und damit auch die Leitfähigkeit des Gases. Die Stromstärke wächst nicht mehr proportional mit der Spannung, sondern langsamer. Schließlich wird die Feldstärke so hoch, dass gänzlich alle Ionen abtransportiert werden, die im Volumen pro Zeiteinheit entstehen. Dann ist der Strom in dem Sinn nicht mehr von der Spannung am Kondensator, sondern vom Volumen im Kondensator und von der Ionisationsrate abhängig.

e ....... Elementarladung e = 1.602·10-19 Cb
q ....... Ionisationsrate in Ionenpaare cm-3·s-1
V ....... Volumen in cm3

Einen solchen Strom nennt man Sättigungsstrom. Er ist dadurch charakterisiert, dass bei weiterer Steigerung der Spannung am Kondensator die Stromstärke unverändert bleibt. Ist das genaue Volumen bekannt, so kann man vom gemessenen Sättigungsstrom auf die Ionisation im Kondensator zurückrechnen. Kommt als Ionisationsquelle zum Beispiel nur ionisierende Strahlung in Frage, so kann man dann weiter vom Sättigungsstrom auf die Intensität der Strahlung rückschließen. In der Atmosphäre reichen meist Feldstärken von 10 bis 50 V·cm-1, um den Sättigungszustand zu erreichen. Man sieht daraus sofort, dass die Spannung am Kondensator umso höher sein muss, je größer das Messgerät ist, und je weiter die Kondensatorplatten dadurch voneinander entfernt sind.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Ionen im Gas bewegen, ist abhängig davon, wann das Gleichgewicht zwischen der Coulombkraft und der geschwindigkeitsabhängigen Reibungskraft erreicht wird. Bei hohen elektrischen Feldstärken können jetzt die Ionen derartig stark beschleunigt werden, dass ihre Energie ausreicht, andere Atome oder Moleküle im Gas zu ionisieren, die dann im elektrischen Feld ebenfalls so lange beschleunigt werden, bis sie ihrerseits zu einer solchen Stoßionisation anderer Gasmoleküle fähig sind. Wenn dies der Fall ist, kommt es zu einer neuerlichen starken Vermehrung der anwesenden Ladungsträger, und daher zu einem Anstieg der Leitfähigkeit der Luft, was auch den Entladungsstrom entsprechend ansteigen lässt.

Spannungsbereich, in dem Sättigungsstrom fließt
Abbildung 3-4 Spannungsbereich, in dem ein Sättigungsstrom fließt

Die Ionisationsmessungen, die in dieser Arbeit dargestellt werden sollen, sind fast durchwegs im Bereich des Sättigungsstromes ausgeführt worden, da man ja vom gemessenen Entladungsstrom möglichst direkt auf die dafür verantwortliche ionisierende Strahlung schließen können wollte. [4]

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